Donnerstag, 23. August 2012

Elternabend.

Ihr habt Euch lange schon nicht mehr wie 15 gefühlt? Ihr seid kinderlos oder habt Kinder unter 6 Jahren? Dann macht Euch doch einen Spaß und geht mal zu einem Elternabend der 11. Klasse eines Gymnasiums. Alle kennen sich. Alle wissen, worum es geht. Alle kennen alle Abkürzungen. Und alle Wege. Und alle Insider. Und Du bist wieder 15.

Nun gut, ich wusste ja, dass ich würde bloggen müssen nach diesem Abend. Also los.

Die Einladung zum Elternabend wurde mir von Hanna persönlich überbracht. Sie sagte nur: "Du musst das unterschreiben" und ich dachte schon, sie hätte nach nur einer Woche Schule schon etwas ausgefressen.

Bereits auf dem Weg zur Schule sah ich eine Frau vor mir auf dem Fahrrad fahren und wusste sofort: Die will dahin, wo ich auch hin will. Komisch, wie man sowas einfach erkennen kann. Wir fuhren gemeinsam auf den Schulhof, schlossen unsere Räder nebeneinander an und ich war immer auf dem Sprung, zu grüßen, mich vorzustellen, zu fragen, wohin wir denn jetzt müssen. Aber so läuft das nicht. Sie ging vor, strafte den netten Mann am Eingang mit einem strengen Blick, als wollte sie sagen: 'Dich brauche ich ja wohl gar nicht erst zu fragen, wo es hier längs geht. Du weißt das sowieso nicht.' Hoffend, dass sie es denn wüsste, schlich ich hinter ihr her. Aber sie sprach trotzdem nicht. Mein "Wollen Sie auch zur 11d?" prallte an ihr ab. Dann kam eine zweiflügelige Glastür. Links stand "DRÜCKEN". Sie drückte rechts. Rüttelte rechts. Zog links. Rüttelte links und rechts. Ich wagte nichts zu sagen, denn ihr Blick hätte mich getötet. Also schrie ich nur lautlos: "LINKS DRÜCKEN!" Die Schwingungen verstand sie. Sie drückte links, ich unterdrückte ein Lachen, sie mied meinen Blick. Und dann setzten wir uns beide in den Raum 094 auf die Stühle, die sonst unsere lieben Kleinen, äh, Großen einnehmen.

Es war sehr unruhig. Nicht unter den Eltern, die saßen allesamt gelangweilt und völlig unerwartungsvoll da. Unter den vorn stehenden Lehrern wurde aber wild diskutiert, wer denn nun zuerst sprechen solle, wer was sagt, wer wann dran ist, worum es eigentlich geht und überhaupt. Und dann fingen alle gleichzeitig an zu sprechen.

Die Klassenlehrerin hatte kaum ihren Namen ausgesprochen, als sie unterbrochen wurde von dem netten Mann, den ich schon an der Eingangstür gesehen hatte. Er war groß, rund, trug Sandalen und eine Bauchtasche. Und eine glitzernde Plastiktüte mit Minnie Maus drauf. In pink. Ich habe bis jetzt nicht herausgefunden, wer er eigentlich war, aber er wollte, dass wir uns freiwillig für irgendetwas melden. Für ein Amt oder zwei und es wäre auch gar nicht schwierig und man müsste kaum etwas tun. Und es wäre unsere letzte Gelegenheit, sowas zu tun, weil die Kinder ja schon so groß wären. Das Amt hatte ein Abkürzung, die aus drei Buchstaben bestand, aber selbst als kreative Linguistin konnte ich mir keinen Reim darauf machen, wofür diese Buchstaben stehen sollten.

Es wollte auch keiner dieses Amt. Niemand. Überhaupt gar keiner, auch nicht mit ein wenig gutem Willen. Jeder stellte sich mit seinem Namen, dem Namen seines Kindes und dem Satz "und ich will das nicht, auf keinen Fall!" vor. Jeder! "Hab keine Zeit!" "Hab überhaupt keine Zeit!" "Hab echt so gar überhaupt keine Zeit!" "Hab das schon gemacht!" "Mach das schon für die Parallelklasse!" "Kann nicht!" "Will nicht!" "Nee, also echt nicht!" Ich war Vorletzte und Neue und dachte, ich wäre geliefert. Aber als ich "Gastmutter" sagte, murmelten alle: "Sehr gute Ausrede. Mist, die kann's echt nicht machen...." Puh. Wer weiß, was ich hätte machen müssen. Frikadellen braten für die neue Mensa? Flugblätter verteilen auf dem Raucherhof? Oder womöglich mit Eltern reden, die partout nicht mit mir reden wollen und Aufschriften auf Türen ignorieren?

Dann wurde mindestens eine Viertelstunde geschwiegen. Auf Elternseite zumindest. Der runde Herr wurde sehr erfinderisch in seinen Ausschmückungen, die uns das Amt schmackhaft machen sollten. Aber es nützte nichts. Alle guckten überall hin, nur nicht zu ihm. Nervöses Pfeifen, obwohl lautlos, erfüllte den Raum. Arme blieben vor dem Körper verschränkt, Lippen zusammen gepresst. Aber es MUSSTE jemand dieses Amt übernehmen. Ich traute mich micht zu fragen, warum das Amt nicht einfach unbesetzt bleiben könne. Wenn es doch sowieso niemand will und niemand braucht.... Aber ich war ja die Neue und hatte keine Ahnung. Kurz und nicht gut, es wurden auf brutale Art und Weise drei Leute verpflichtet, dieses Abkürzungsamt zu übernehmen. Die wurden daraufhin aus dem Raum geschickt wie böse Schüler, um irgendetwas, das ich auch nicht verstand, zu machen. Aber sie durften auch wieder rein. Mit Spielchen wie diesen bekommt man erstaunlich viel Zeit rum.

Dann sagten die Lehrer nacheinander, was sie für Fächer betreuen und dass das, was sie in diesem Jahr unterrichten würden, kein Zuckerschlecken sein würde und dass die Schüler ja nicht zum Spaß da wären. Dann hatte niemand auch nur noch eine Frage. Und darum durften wir gehen. Ich schaute nochmals freundlich in die Runde, dachte, vielleicht interessiert sich ja jemand für eine exotische Gastmutter wie mich. Nö.

Am Fahrradständer hielt mich dann aber doch noch eine Mutter an und sprach mit mir. Sie war sehr freundlich. Und ich war ein wenig beruhigt. Denn es ist doch ein wenig verstörend, zu sehen, wie sich ein aktionistischer Enthusiasmus, der auf Elternabenden in Kindergärten zwar auch nervig, aber dennoch Gang und Gäbe ist, innerhalb von einer Dekade in eine dumbe LmaA-Haltung verwandeln kann. Mich gruselt vor der mir noch bevorstehenden Verwandlung.

2 Kommentare:

  1. Es war mal wieder ein Vergnügen zu lesen. Da lief ein richtiger Film ab :-)
    LG Tanja

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  2. Hu, so sind meine Elternabende nie abgelaufen! Es gab immer viel zu erzählen (von den Eltern) und dauerte mindestens bis 22:00 - danach kamen dann noch die Eltern, die Individualbetreuung wünschten. Meistens hat der Hausmeister mich dann um halb 11 mit einem Rausschmiss erlöst...

    Übrigens kann es sich eigentlich nur um die Wahl der Klassen-Elternvertreter gehandelt haben, die tatsächlich immer qualvoll ist... Vielleicht hat man in Schleswig-Holstein dafür eine flotte Abkürzung erfunden, um die ahnungslosen (Gast-)Eltern auszutricksen? Freu Dich - es kommen unter Umständen noch Lernentwicklungsgespräche, Klassenfahrten und ein Elternsprechtag auf Dich zu! Für eine fachkompetente Vorbereitung stehe ich gern zur Verfügung!

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