Mittwoch, 31. Oktober 2012

Trick or treat? - Treat! - No! Trick!

Es ist Halloween. Genau, der gruseligste Feiertag, den es gibt. Amerikaner lieben diesen Tag. Er ist hysterisch, aber klassisch. In Deutschland gibt es unterschiedliche Meinungen zu diesem Tag. Die einen sagen "Kommerz!!!" Die anderen "Ach, komm, ist doch nett, Kürbisse schnitzen und mit den lieben Kleinen um den Block ziehen..."

Wenn man mitten in einer Großstadt lebt, geht Halloween so ziemlich an einem vorbei. Man sieht zwar Dekorationen und man isst auch hin und wieder Kürbissuppe, aber das ganze Gerummel an der Haustür passiert einfach nicht. Zu gefährlich, zu anonym. zu egal.

Wenn man in einer nicht ganz so großen Stadt lebt, zumal noch in einem Einzelhaus, kann man sich an Halloween nur schwer vor Geistern retten. Man kann entweder verschwinden, das Haus verbarrikadieren und hoffen, dass die Schrecken der Straße nicht allzu viele rohe Eier im Briefkasten hinterlassen. Oder man kauft einen Sack klebriger Bonbons in umweltunverträglichen Einzelverpackungen und öffnet hundert Mal am Abend die Tür, um sich die verschiedensten Androhungen, mit Glück in Form eines schlechten Reims, anzuhören.

Dieses Jahr war ich schon auf letzteres vorbereitet, als Hanna mir sagte, dass sie eigentlich gern selbst von Tür zu Tür ziehen würde, um "trick or treat!" zu rufen. Es sei wohl das letzte Mal, dass sie guten Gewissens als Kind durchginge und bei der Bonbonverteilung bedacht werden könne. Ich fand, das war eine prima Idee und überredete gleich meine Kleinkinder, mitzumachen. So weit, so gut.

Aus Hanna wurde eine Squaw (sie hatte bei einem Kostümverkauf der Kammeroper ein Original Kostüm erstanden), der Pippi Langstrumpf und ein kleiner müder Geist zur Seite gestellt wurden. Zu uns stießen ein Penner und zwei weitere Geister, jeder bewaffnet mit einem großen Beutel. Und wo hat man die meisten Chancen auf Erfolg? Natürlich nicht in unserer alten Straße. Nein, im Neubaugebiet.

Die ersten drei Türöffner hatten noch Mitleid und gaben Bonbons nur für ein schüchternes Lächeln heraus. Dann wurde ein Reim eingeübt. Er klingelt jetzt noch in meinen Ohren:

"Wir sind die kleinen Geister.
Wir haben einen Meister.
Der Meister hat befohlen,
dass wir uns etwas holen."

Die Reaktion war meist ähnlich: "Aha." oder "Na, wenn der Meister das sagt..."

So zogen wir durch sieben bis acht Straßen, die alle den gleichen Namen hatten (armer Briefträger). Die schwarz geschminkten Augenringe des Kleinstkindes waren bereits durch echte ersetzt und Pippi Langstrumpf schleppte ihre großen Füße nur mühsam vorwärts. Aber jeder hatte eine prall gefüllte Tüte mit Zahnkillern erworben. Mission erfüllt.

Wieder daheim fielen die Kleinen sofort ins Bett. Hanna allerdings flitzte sofort wieder los, um den Bus zum Theater zu bekommen. Das Improvisations-Theater, ihre große Leidenschaft, sollte trotz Gruseltags nicht warten. Eine Stunde Fahrt in voller Squaw-Montur. Was tut man nicht alles.

Ich war gerade dabei, mich endlich zu entspannen, als das Telefon klingelte. Hannas Papa war dran. Ein Anruf aus dem fernen Amerika, in dem mir mitgeteilt wurde, dass Hanna am anderen Ende der (dennoch uns wesentlich näheren) Stadt vor verschlossenen Türen stand und nun wieder nach Hause fahren müsse. Normalerweise holen wir Hanna nach der Probe ab, weil es spät und dunkel ist. Nun war es zwar auch dunkel, aber noch nicht allzu spät und der Abholer noch bei der Arbeit. Da Hanna uns aus nicht plausiblen Gründen nicht telefonisch erreichte, bat sie ihren Papa um Hilfe, der ihr, dem Internet sei Dank, eine Bahnverbindung für den Rückweg heraus suchte. Sie müsse nur vom lokalen Bahnhof irgendwie sicher nach Hause kommen. 
 
Ich stellte mein frisch geöffnetes Bier also beiseite und wog kurz ab, was gefährlicher sein würde: zwei schlafende Kleinkinder für zehn Minuten allein im Haus zu lassen, um Hanna vom Bahnhof abzuholen oder eine voll ausgestattete und geschminkte Indianerbraut allein durch eine Halloween-Nacht zu schicken. Ich konnte mich wirklich nicht entscheiden. Aber ich holte sie trotzdem vom Bahnhof ab.
 
Ich wartete auf dem Parkplatz neben dem Hintereingang. Hanna kam raus, ging schnurstracks an mir vorbei und rannte zur Straße. Ich, müde und bocklos, mich an den rauchenden Teenagern, die vor dem Bahnhof abhingen, vorbeizudrücken, griff zum Handy und rief sie an. 
 
Ich steh auf dem Parkplatz.“
Oh, ok, ich sehe dich!“ Sie rennt in die entgegengesetzte Richtung.
Nein, das bin ich nicht. Hinter dir!“
Oh!“ (dreht sich um) „Ah, ich sehe dich!“ Sie rennt in eine andere, immer noch falsche Richtung.
Nein, das bin ich auch nicht. Rechts!“
Oh!“ (dreht sich erneut um) „Ah, jetzt sehe ich dich!“ Sie rennt in eine weitere, immer noch falsche Richtung.
Nein, das bin ich immer noch nicht. Ich mach mal das Licht an.“
Oh! Da! Jetzt sehe ich dich!“ (Ihr wisst schon was....)
Naja, es dauerte ein wenig, aber sie fand mich. Und ich fuhr sie nach Hause.

Als hätte dieses Intermezzo gar nicht stattgefunden, setzte sie sich dort gleich hin und schüttete ihre erreimten Halloween-Kostbarkeiten auf dem Tisch aus. Sie sortierte sie nach Farbe, oder Größe, oder Geschmacksrichtung, oder Kaufähigkeit, oder was weiß ich. Dann machte sie Fotos. Und sie wünschte sich ihre Schwester her, um mit ihr Süßigkeiten zu tauschen. Da ihre leibliche Schwester nicht verfügbar war, machte es Hanna anders. Sie kippte, wenn auch mit deutlich schlechtem Gewissen, auch die Süßigkeiten der kleinen Gastgeschwister, die natürlich immer noch friedlich in ihren Bettchen schlummerten, aus und tauschte mit ihnen. Sie sind zu klein, um es zu merken (und werden erst, nachdem sie lesen und sich für Mamas Blog zu interessieren gelernt haben, entrüstet aufschreien...bis dahin ist Hanna längst über alle Berge). Und ich habe versprochen, nichts gesehen zu haben.

Danach ging sie in ihr Zimmer, ihr perfekt gepacktes Säckchen unter dem Arm und ein Lächeln auf dem Gesicht. Halloween in Deutschland: vielleicht ein bisschen anders, aber doch gar nicht so schlimm.








Donnerstag, 20. September 2012

Drei Dinge - Teil 3, Nachtrag.

Nun gut, ich will es nicht verheimlichen: Aus rhetorischen Gründen habe ich im vorangegangenen Post vielleicht an der einen oder anderen Stelle leicht übertrieben. Damit sich niemand sorgen muss, möchte ich hier hinzufügen, dass Menschen oder Tiere zu keiner Zeit gefährdet waren.

Der Topf aus Punkt 1 ist nach dreitägiger Einweichzeit in Corega Tabs (nein, ich schwindele schon wieder, es war nur ein Geschirrspültab der Sorte Superpower) wieder fast ganz sauber geworden. Den Käsegestanksschwaden aus Punkt 2 sind wir mit Schnappatmung begegnet und haben dann im Herbststurm, der durch die weit geöffneten Fenster pfiff, ganz viel duftenden Kuchen gebacken. Und die Handcreme aus Punkt 3 war eigentlich nur Handseife mit besonders vielen rückfettenden Substanzen.

Aber wer weiß, was noch kommt. Ich werde berichten.

Drei Dinge - Teil 3.

Drei Dinge, die Hanna im deutschen Küchenumfeld gelernt hat:

1) Wenn einen Heißhunger auf Apfelmus plagt, aber die vielen von der Gastmutter eingekochten Portionen bereits aufgefuttert sind, macht man selbst welchen. Allerdings kocht man diesen nicht zusammen mit einem ordentlichen Schuss Milch für zwei Stunden auf höchster Stufe ein, selbst wenn dies ein interessantes rauchiges Aroma ergibt. Nicht nur für den Apfelmus.

2) Grilled Cheese Sandwich à la Dad gelingt mit mildem Amerikanischem Plastikkäse ganz leicht. Mit fettem friesischen Stinkekäse auch. Allerdings muss man danach ein Schild an die Tür hängen, damit hereintretende Personen rechtzeitig eine Atemschutzmaske aufsetzen können.

3) Wenn man sein Geschirr mit Handcreme spült, werden Teller zartweich.

Donnerstag, 23. August 2012

Elternabend.

Ihr habt Euch lange schon nicht mehr wie 15 gefühlt? Ihr seid kinderlos oder habt Kinder unter 6 Jahren? Dann macht Euch doch einen Spaß und geht mal zu einem Elternabend der 11. Klasse eines Gymnasiums. Alle kennen sich. Alle wissen, worum es geht. Alle kennen alle Abkürzungen. Und alle Wege. Und alle Insider. Und Du bist wieder 15.

Nun gut, ich wusste ja, dass ich würde bloggen müssen nach diesem Abend. Also los.

Die Einladung zum Elternabend wurde mir von Hanna persönlich überbracht. Sie sagte nur: "Du musst das unterschreiben" und ich dachte schon, sie hätte nach nur einer Woche Schule schon etwas ausgefressen.

Bereits auf dem Weg zur Schule sah ich eine Frau vor mir auf dem Fahrrad fahren und wusste sofort: Die will dahin, wo ich auch hin will. Komisch, wie man sowas einfach erkennen kann. Wir fuhren gemeinsam auf den Schulhof, schlossen unsere Räder nebeneinander an und ich war immer auf dem Sprung, zu grüßen, mich vorzustellen, zu fragen, wohin wir denn jetzt müssen. Aber so läuft das nicht. Sie ging vor, strafte den netten Mann am Eingang mit einem strengen Blick, als wollte sie sagen: 'Dich brauche ich ja wohl gar nicht erst zu fragen, wo es hier längs geht. Du weißt das sowieso nicht.' Hoffend, dass sie es denn wüsste, schlich ich hinter ihr her. Aber sie sprach trotzdem nicht. Mein "Wollen Sie auch zur 11d?" prallte an ihr ab. Dann kam eine zweiflügelige Glastür. Links stand "DRÜCKEN". Sie drückte rechts. Rüttelte rechts. Zog links. Rüttelte links und rechts. Ich wagte nichts zu sagen, denn ihr Blick hätte mich getötet. Also schrie ich nur lautlos: "LINKS DRÜCKEN!" Die Schwingungen verstand sie. Sie drückte links, ich unterdrückte ein Lachen, sie mied meinen Blick. Und dann setzten wir uns beide in den Raum 094 auf die Stühle, die sonst unsere lieben Kleinen, äh, Großen einnehmen.

Es war sehr unruhig. Nicht unter den Eltern, die saßen allesamt gelangweilt und völlig unerwartungsvoll da. Unter den vorn stehenden Lehrern wurde aber wild diskutiert, wer denn nun zuerst sprechen solle, wer was sagt, wer wann dran ist, worum es eigentlich geht und überhaupt. Und dann fingen alle gleichzeitig an zu sprechen.

Die Klassenlehrerin hatte kaum ihren Namen ausgesprochen, als sie unterbrochen wurde von dem netten Mann, den ich schon an der Eingangstür gesehen hatte. Er war groß, rund, trug Sandalen und eine Bauchtasche. Und eine glitzernde Plastiktüte mit Minnie Maus drauf. In pink. Ich habe bis jetzt nicht herausgefunden, wer er eigentlich war, aber er wollte, dass wir uns freiwillig für irgendetwas melden. Für ein Amt oder zwei und es wäre auch gar nicht schwierig und man müsste kaum etwas tun. Und es wäre unsere letzte Gelegenheit, sowas zu tun, weil die Kinder ja schon so groß wären. Das Amt hatte ein Abkürzung, die aus drei Buchstaben bestand, aber selbst als kreative Linguistin konnte ich mir keinen Reim darauf machen, wofür diese Buchstaben stehen sollten.

Es wollte auch keiner dieses Amt. Niemand. Überhaupt gar keiner, auch nicht mit ein wenig gutem Willen. Jeder stellte sich mit seinem Namen, dem Namen seines Kindes und dem Satz "und ich will das nicht, auf keinen Fall!" vor. Jeder! "Hab keine Zeit!" "Hab überhaupt keine Zeit!" "Hab echt so gar überhaupt keine Zeit!" "Hab das schon gemacht!" "Mach das schon für die Parallelklasse!" "Kann nicht!" "Will nicht!" "Nee, also echt nicht!" Ich war Vorletzte und Neue und dachte, ich wäre geliefert. Aber als ich "Gastmutter" sagte, murmelten alle: "Sehr gute Ausrede. Mist, die kann's echt nicht machen...." Puh. Wer weiß, was ich hätte machen müssen. Frikadellen braten für die neue Mensa? Flugblätter verteilen auf dem Raucherhof? Oder womöglich mit Eltern reden, die partout nicht mit mir reden wollen und Aufschriften auf Türen ignorieren?

Dann wurde mindestens eine Viertelstunde geschwiegen. Auf Elternseite zumindest. Der runde Herr wurde sehr erfinderisch in seinen Ausschmückungen, die uns das Amt schmackhaft machen sollten. Aber es nützte nichts. Alle guckten überall hin, nur nicht zu ihm. Nervöses Pfeifen, obwohl lautlos, erfüllte den Raum. Arme blieben vor dem Körper verschränkt, Lippen zusammen gepresst. Aber es MUSSTE jemand dieses Amt übernehmen. Ich traute mich micht zu fragen, warum das Amt nicht einfach unbesetzt bleiben könne. Wenn es doch sowieso niemand will und niemand braucht.... Aber ich war ja die Neue und hatte keine Ahnung. Kurz und nicht gut, es wurden auf brutale Art und Weise drei Leute verpflichtet, dieses Abkürzungsamt zu übernehmen. Die wurden daraufhin aus dem Raum geschickt wie böse Schüler, um irgendetwas, das ich auch nicht verstand, zu machen. Aber sie durften auch wieder rein. Mit Spielchen wie diesen bekommt man erstaunlich viel Zeit rum.

Dann sagten die Lehrer nacheinander, was sie für Fächer betreuen und dass das, was sie in diesem Jahr unterrichten würden, kein Zuckerschlecken sein würde und dass die Schüler ja nicht zum Spaß da wären. Dann hatte niemand auch nur noch eine Frage. Und darum durften wir gehen. Ich schaute nochmals freundlich in die Runde, dachte, vielleicht interessiert sich ja jemand für eine exotische Gastmutter wie mich. Nö.

Am Fahrradständer hielt mich dann aber doch noch eine Mutter an und sprach mit mir. Sie war sehr freundlich. Und ich war ein wenig beruhigt. Denn es ist doch ein wenig verstörend, zu sehen, wie sich ein aktionistischer Enthusiasmus, der auf Elternabenden in Kindergärten zwar auch nervig, aber dennoch Gang und Gäbe ist, innerhalb von einer Dekade in eine dumbe LmaA-Haltung verwandeln kann. Mich gruselt vor der mir noch bevorstehenden Verwandlung.

Freitag, 17. August 2012

Drei Dinge - Teil 2.

Deutsche Sprache, schwere Sprache.

Drei Vokabeln, die sich Hanna partout nicht merken kann:

1. ziemlich
2. trotzdem
3. auf jeden Fall

Die Tatsache, dass diese Wörter eigentlich ziemlich unnötig sind, um sich zu verständigen, beruhigt Hanna aber nicht - sie will sie auf jeden Fall trotzdem so schnell wie möglich lernen.

Um dann Sätze wie den voran gegangenen sagen zu können...

Donnerstag, 16. August 2012

Abgestempelt.

Zack! Ein Stempel und Hanna ist offizielle Bürgerin unserer Stadt. Beamte scheinen das zu lieben. Noch ein Stempel, noch eine Bürgerin, welche Macht man als Beamter doch hat!

Dabei wusste der Beamte am Telefon gar nicht, was ich von ihm wollte. Er verstand das alles nicht. Ein Kind aus den U.S.A. Deutscher Pass. Ein Jahr. Kein Visum. Schule. Besuch. Anmelden? "Anmelden?! Ja, natürlich müssen Sie sie anmelden! Aber ganz schnell!"

Also auf zum Rathaus. Nummer ziehen. Warten. Durch zerfledderte Zeitschriften blättern. Ein Polit-Magazin titelt mit: "Amerika, was ist aus Dir geworden?" Hanna wird aufmerksam, fragt nach und regt sich dann auf. Es ist das erste Mal, dass ich sie heftig reagieren sehe. Sie schmeißt die Zeitschrift auf den Tisch und sagt: "We're doing just fine."

Dann wird endlich unsere Nummer aufgerufen. Die Beamtin scheint sich zuerst zu freuen, dass es nur um eine schnöde Anmeldung geht. Dann sieht sie verschiedene Pässe und Vollmachten. Und stöhnt. Sie guckt in den einen Pass. Sie guckt in den anderen Pass. Sie guckt in meinen Ausweis. Sie guckt wieder in den einen Pass. Und wieder in den anderen Pass. Sie guckt auf die Vollmacht, dreht sie um, liest nochmal, legt sie weg, nimmt sie wieder in die Hand. Und stöhnt. Sie braucht sehr, sehr, sehr lange. Ich wage zu fragen: "Muss ich Hanna tatsächlich anmelden?" Sie donnert zurück: "NATÜRLICH müssen Sie sie anmelden! Aber ganz schnell!" Ich verkneife mir einen Kommentar zur Schnelligkeit.

"Aber zur Ausländerbehörde müssen Sie auch noch!" sagt sie äußerst streng. "Wegen der Aufenthaltsgenehmigung!" Ich staune. Dann weise ich darauf hin, dass Hanna einen Deutschen Pass hat. Die Beamtin guckt mich an wie ein Auto. Ich zeige, ganz vorsichtig, auf den Deutschen Pass, den sie in den Händen hält und schaue sie erwartungsvoll an. Sie stöhnt wieder.

Und dann endlich: ZACK! Das liebste Stück eines jeden Beamten, der Stempel, knallt auf auf das Anmeldeformular. Dann nimmt die Beamtin ihr zweitliebstes Stück, ein Lineal, zu Hand und streicht den Wohnort in Hannas Pass sorgfältig durch. Ganz gerade. Pustet drauf und knallt den Stadt-Stempel in den Pass. Nun ist es amtlich. Hanna ist Einwohnerin.

Endlich zurück im Tageslicht sage ich feierlich: "So, Hanna, nun bist Du offiziell Bürgerin unserer Stadt!" Und was sagt Hanna? "Das war ich schon vom ersten Tag an. Zumindest gefühlt."

Ein guter Start.

Mittwoch, 15. August 2012

Drei Dinge - Teil 1.

Drei Dinge, die Hanna in dieser Woche gelernt hat:

1. Benutze nie den Lichtschalter unten an der Kellertreppe. Er bewirkt, dass im ganzen Haus der Strom ausfällt.

2. Wenn Du den Lichtschalter unten an der Treppe benutzt hast, gehe danach nicht einfach ins Bett, damit der Kühlschrank in Ruhe abtauen kann.

3. Sanostol ist kein Geschirrspülmittel.

Montag, 13. August 2012

Eine Woche Hanna.

Hanna ist nun schon gut eine Woche bei uns. Und ich glaube, sie ist auch schon ein wenig angekommen. Natürlich beschnuppern wir uns weiter. Wir finden auch immer mehr übereinander heraus. Aber fremd haben wir uns nie miteinander gefühlt. Nun gut, heute morgen war es schon ein wenig komisch:

Der Mann war schon auf. Der Rest der Familie tat sich noch schwer mit dem Aufwachen. Als ich langsam die Treppe herunter torkelte, hörte ich den Mann in der Küche hantieren. Ich schlurfte also in seine Richtung. Als er meine Schritte vernahm, sprang er mit einem schmetternden "Guten Morgen!!!!" um die Ecke, nur um noch im selben Atemzug "Ach, Du bist es...." zu sagen und sich wieder hinzusetzen. Aber ich denke, in ein paar Tagen ist auch er wieder beim "Mmmmmmmnnn" als Morgengruß angekommen.

Ist es denn nun lauter bei uns geworden? Unruhiger? Chaotischer? Nö.

Hanna ist ein sehr angenehmes Familienmitglied. Laut ist sie eigentlich nur, wenn sie lacht. Oder wenn sie ihre Zimmertür zumacht. Aber die geht anders auch nicht zu - ist ja ein altes Haus. Unruhig ist sie eigentlich nur, wenn sie mal wieder eine Idee hat und diese teilen möchte. Chaotisch ist sie eigentlich nur in ihrem eigenen Zimmer.

Und Hanna hat die tollsten Hobbies. Zum einen schreibt sie gern. Kurzgeschichten. Bücher. Brillantes Zeugs. Sie hat uns einiges vorgelesen und uns blieb der Mund offen stehen. Wie kann ein so junges Mädchen schon so schreiben?

Und sie verbringt viel Zeit im Keller. Ja, im Keller. Als ich das erste Video-Telefonat mit ihren Eltern führte und gefragt wurde: "Naaaaa, wie ist es denn so mit einer 15-jährigen Tochter?", antwortete ich nur: "Ach, Hanna ist sehr pflegeleicht. Sie sitzt ja sowieso die meiste Zeit im Keller." Hannas Mutter entgleisten die Gesichtszüge und sie stieß ihrem neben ihr sitzenden Mann mit dem Ellenbogen in die Rippen. "Was hat sie gesagt?" Und er antwortete langsam: "Ich glaube, sie hat gesagt, dass Hanna die meiste Zeit im Keller sitzt." Und fügte beschwichtigend hinzu: "Ihr Keller ist aber sehr schön, ich habe ihn gesehen!"

Und es stimmt. Hanna liebt unseren Keller. Sie sitzt stundenlang da unten auf unserem ausrangierten Biedermeiersofa und.... schnitzt. Andere Teenager hätten vermutlich andere Dinge in ihrem Koffer gehabt, Hanna aber hatte Holz dabei. Und ein norwegisches Schnitzmesser. Und da sitzt sie nun und schnitzt eine Schachfigur nach der anderen. Die Bauern hat sie schon fast beisammen.

Ob Hannas jugendlicher Kreativität haben wir uns zuerst ganz alt und vertrocknet gefühlt. Nicht dass wir nicht auch kreativ und voller Ideen wären. Wir lassen uns aber oft so sehr vom Alltag ablenken, dass wir tolle Ideen einfach unter den Tisch fallen lassen. Aber wir waren uns einig: Wir krabbeln unter den Tisch und sammeln sie wieder auf. Wir lassen uns einfach anstecken! Und wir freuen uns schon darauf.

Schön, dass Hanna da ist.

Samstag, 4. August 2012

Am Flughafen.

Es ist völlig normal: Wenn man zu früh dran ist, ist das, wofür man gekommen ist, zu spät dran.

Wir waren viel zu früh am Flughafen. Hannas Flug hatte eine saftige Verspätung. Nun denn, der Weg zur Aussichtsterrasse ist lang, insbesondere wenn man zwei kleine Kinder dabei hat. So viel Ablenkung. Damit wären schon mal ein paar Minuten totgeschlagen. Und von der Terrasse aus gibt es ja auch genug zu sehen. Das "Ich habe einen Freund, der ist Flugkapitän"-Buch live, sozusagen.

13 landende und 17 startende Flugzeuge, eine Apfelschorle und eine Cola später sahen wir endlich Hannas Flugzeug landen. Welch ein Jubel! Wir winkten Hanna aus 500 Meter Entfernung wild zu. Der Flieger dockte an, wir ließen uns von anderen Dingen ablenken und plötzlich mussten wir ganz schnell sein.

Wir hatten den Moment des Empfangs natürlich langwierig vorbereitet. Die ganze Familie sollte nach Größe sortiert aufgereiht sein, das Willkommensbanner straff gespannt über sich haltend. Und alle sollten strahlen.

Wir hetzten also von der Terrasse, blieben in der Drehtür stecken, stolperten die Rolltreppe, die natürlich nicht funktionierte, herunter, ließen die Kinder in der Spielecke, die übrigens sehr ungünstig positioniert ist, nur dreimal im Feuerwehrauto und Hubschrauber fahren und schleiften die danach äußerst unwilligen, kreischenden und wild strampelnden Kleinen über die zweite Rolltreppe hinunter in die Ankunftshalle. Wir stellten sie auf, sortierten sie nach Größe, stellten sie nochmal auf, sortierten sie nochmal nach Größe, rissen das Banner hoch und strahlten.

Und dann sagte Anna: "Ich muss mal."

Der Flughafen war fünf Sekunden ganz still. Dann entfuhr mir ein: "JETZT?!" Die Antwort war unzufriedenstellend, nämlich: "Ja, sonst mache ich mir in die Hose."

Der Papa flitzte also mit dem Kind auf die Toilette. Kaum waren sie um die Ecke verschwunden, ging die Schiebetür auf und Hanna kam. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich es geschafft habe, das Banner allein und mit quengelndem Kleinkind auf dem Arm straff zu halten, aber irgendwie hat es wohl geklappt. Hanna sah uns und lachte. Und wir dann auch.

Freitag, 3. August 2012

Heute ist Anfang August.

Heute kommt Hanna.

Seit Monaten reden wir davon. Seit Monaten fragt Anna (5) täglich: "Mama, wann kommt Hanna?" Seit Monaten antworte ich täglich "Anfang August." Letzte Woche dann sagte ich zu ihr: "Anna, nächsten Freitag kommt Hanna." Anna lief sofort los und schrie jeden, den Sie traf, begeistert an: "Freitag ist Anfang August! Freitag ist Anfang August!" Und jeder tätschelte ihr das kleine Köpfchen und sagte: "Ja, sicher, Liebes."

Heute kommt Hanna.

Sind wir vorbereitet? Naja, wir haben sieben kleine Kommoden und einen so was von schweren Kleiderschrank zusammengebaut und in das Gästezimmer gehievt. Wir haben das Englisch-Deutsche Wörterbuch und die Deutsche Universalgrammatik in ihr Bücherregal gestellt (hach, was wird sie sich freuen). Ihre Gastoma hat ein Handtuch mit ihrem Namen bestickt und ins Bad gehängt. Ich habe Zahnpasta gekauft. Und Nutella. Und ich habe ein Banner gebastelt, damit sie heute am Flughafen auch gebührend empfangen wird. Aber sind wir vorbereitet? Ich glaube nicht. Aber ich glaube auch, dass das nichts macht.

Heute kommt Hanna.

Und wir sind alle ganz aufgeregt.

Mittwoch, 1. August 2012

Unbelesen.

Wir bekommen also ein Au Pair. Nein, eine Austauschschülerin. Nein, eigentlich auch nicht. Es gibt keinen Austausch. Was ist sie dann? Ein Gastkind? Eine Gastjugendliche? Naja, nennen wir sie einfach Hanna.

Hanna kommt also. Und nun? Was tun? Wir sind in Deutschland. In Deutschland ist doch alles geregelt. Und außerdem gibt es über alles Bücher. Wirklich jeder Pups wird in einem Buch für Dummies erklärt. Da wird es doch auch eins für Gasteltern geben.

Ich gehe ins Internet und gebe verschiedenste Suchbegriffe ein: Au Pair, Austauschschüler, Gasteltern, ein Jahr in Deutschland.... Nichts. Haufenweise Lektüre, wenn man als junger Mensch aus Deutschland raus will, aber nichts, wenn man rein will.

Ich gehe also, ganz altmodisch, in ein Buchgeschäft. Buchhändler wissen doch alles. Stimmt auch. Als ich mein Anliegen vortrage, kommt wie aus der Pistole geschossen: "Gibt's nicht!" Und dann: "Schreiben Sie doch selbst eins!"

Soviel dazu, wie ich auf diese Blog-Idee kam.

Wie war das noch?

Wie hat das eigentlich alles angefangen?

Ich gehe mal in meinem E-Mail-Archiv ganz weit zurück, auf den 30. Januar 2011. An dem Tag gab es eine E-Mail von meinem lieben Freund Glenn aus Kalifornien. Nicht dem Kalifornien bei Kiel. Kalifornien in Kalifornien halt, weit weg.

Er schrieb: "Ich sollte Euch vielleicht auch mitteilen, dass ich vorhabe, die Wochen zwischen dem 20.6. und dem 1.8. in Deutschland zu sein, und zwar mit allen drei Kindern im Schlepptau."

Stimmt, so war das. Er hatte alle drei Kinder im Schlepptau, und noch ein weiteres dazu. Die Bude war also voll. Aber es war toll. Und am Ende dieser Invasion tat ich es: Ich bot allen an, jederzeit wiederzukommen, gern auch für eine längere Zeit. Und alle nickten.

Ein halbes Jahr später schickte ich Glenn einen Link zu einem Video, in dem es um die Tücken der Deutschen Sprache ging. Hier seine Antwort: "Danke! Sehr lustig. In other news, wir beginnen bereits an den nächsten Sommer zu denken: Wäre es noch zu diskutieren, ob Hanna im Sommer einige Wochen bei euch wohnen und als unoffizielles Aupairmädchen aushelfen täte?"

Geschickter Übergang. Aber natürlich haben wir uns sehr gefreut. Ein Babysitter für unsere zwei Kleinkinder den ganzen Sommer lang (der Hamburger Sommer dauert ja nur einige Wochen)? Fabelhaft! Es wurde sofort zugesagt.

Nur wenige Wochen danach kam eine weitere Mail mit dem Titel: "Schnapsidee bzgl. Hanna." Und huch? Sie enthielt die Anfrage, ob wir das "ruhige, besonnene Mädchen" nicht auch für ein ganzes Schuljahr zu uns nehmen würden. Und ein "happy rest of the night!"

Obwohl ein wenig überrumpelt, war ich sofort begeistert, mir aber dennoch bewusst, dass man eine solche Entscheidung vielleicht lieber im Familienrat bespricht, bevor man zusagt. Also beschränkte ich mich in meiner Antwort darauf, Glenn über das Wort "Schnapsidee" aufzuklären.

Aber dann sagten wir trotzdem zu.

Und Glenn antwortete: "WOW! Toll. Wir freuen uns sehr, Hanna endlich loszuwerden ein großes Abenteuer vermitteln zu können."

Ja, so war das.