Wenn man mitten in einer Großstadt lebt, geht Halloween so ziemlich an einem vorbei. Man sieht zwar Dekorationen und man isst auch hin und wieder Kürbissuppe, aber das ganze Gerummel an der Haustür passiert einfach nicht. Zu gefährlich, zu anonym. zu egal.
Wenn man in einer nicht ganz so großen Stadt lebt, zumal noch in einem Einzelhaus, kann man sich an Halloween nur schwer vor Geistern retten. Man kann entweder verschwinden, das Haus verbarrikadieren und hoffen, dass die Schrecken der Straße nicht allzu viele rohe Eier im Briefkasten hinterlassen. Oder man kauft einen Sack klebriger Bonbons in umweltunverträglichen Einzelverpackungen und öffnet hundert Mal am Abend die Tür, um sich die verschiedensten Androhungen, mit Glück in Form eines schlechten Reims, anzuhören.
Dieses Jahr war ich schon auf letzteres vorbereitet, als Hanna mir sagte, dass sie eigentlich gern selbst von Tür zu Tür ziehen würde, um "trick or treat!" zu rufen. Es sei wohl das letzte Mal, dass sie guten Gewissens als Kind durchginge und bei der Bonbonverteilung bedacht werden könne. Ich fand, das war eine prima Idee und überredete gleich meine Kleinkinder, mitzumachen. So weit, so gut.
Aus Hanna wurde eine Squaw (sie hatte bei einem Kostümverkauf der Kammeroper ein Original Kostüm erstanden), der Pippi Langstrumpf und ein kleiner müder Geist zur Seite gestellt wurden. Zu uns stießen ein Penner und zwei weitere Geister, jeder bewaffnet mit einem großen Beutel. Und wo hat man die meisten Chancen auf Erfolg? Natürlich nicht in unserer alten Straße. Nein, im Neubaugebiet.
Die ersten drei Türöffner hatten noch Mitleid und gaben Bonbons nur für ein schüchternes Lächeln heraus. Dann wurde ein Reim eingeübt. Er klingelt jetzt noch in meinen Ohren:
"Wir sind die kleinen Geister.
Wir haben einen Meister.
Der Meister hat befohlen,
dass wir uns etwas holen."
Die Reaktion war meist ähnlich: "Aha." oder "Na, wenn der Meister das sagt..."
So zogen wir durch sieben bis acht Straßen, die alle den gleichen Namen hatten (armer Briefträger). Die schwarz geschminkten Augenringe des Kleinstkindes waren bereits durch echte ersetzt und Pippi Langstrumpf schleppte ihre großen Füße nur mühsam vorwärts. Aber jeder hatte eine prall gefüllte Tüte mit Zahnkillern erworben. Mission erfüllt.
Wieder daheim fielen die Kleinen sofort ins Bett. Hanna allerdings flitzte sofort wieder los, um den Bus zum Theater zu bekommen. Das Improvisations-Theater, ihre große Leidenschaft, sollte trotz Gruseltags nicht warten. Eine Stunde Fahrt in voller Squaw-Montur. Was tut man nicht alles.
Ich war gerade dabei, mich endlich zu entspannen, als das Telefon klingelte. Hannas Papa war dran. Ein Anruf aus dem fernen Amerika, in dem mir mitgeteilt wurde, dass Hanna am anderen Ende der (dennoch uns wesentlich näheren) Stadt vor verschlossenen Türen stand und nun wieder nach Hause fahren müsse. Normalerweise holen wir Hanna nach der Probe ab, weil es spät und dunkel ist. Nun war es zwar auch dunkel, aber noch nicht allzu spät und der Abholer noch bei der Arbeit. Da Hanna uns aus nicht plausiblen Gründen nicht telefonisch erreichte, bat sie ihren Papa um Hilfe, der ihr, dem Internet sei Dank, eine Bahnverbindung für den Rückweg heraus suchte. Sie müsse nur vom lokalen Bahnhof irgendwie sicher nach Hause kommen.
Ich stellte mein frisch geöffnetes Bier also beiseite und wog kurz ab, was gefährlicher sein würde: zwei schlafende Kleinkinder für zehn Minuten allein im Haus zu lassen, um Hanna vom Bahnhof abzuholen oder eine voll ausgestattete und geschminkte Indianerbraut allein durch eine Halloween-Nacht zu schicken. Ich konnte mich wirklich nicht entscheiden. Aber ich holte sie trotzdem vom Bahnhof ab.
Ich wartete auf dem Parkplatz neben dem Hintereingang. Hanna kam raus, ging schnurstracks an mir vorbei und rannte zur Straße. Ich, müde und bocklos, mich an den rauchenden Teenagern, die vor dem Bahnhof abhingen, vorbeizudrücken, griff zum Handy und rief sie an.
„Ich steh auf dem Parkplatz.“
„Oh, ok, ich sehe dich!“ Sie rennt in die entgegengesetzte Richtung.
„Nein, das bin ich nicht. Hinter dir!“
„Oh!“ (dreht sich um) „Ah, ich sehe dich!“ Sie rennt in eine andere, immer noch falsche Richtung.
„Nein, das bin ich auch nicht. Rechts!“
„Oh!“ (dreht sich erneut um) „Ah, jetzt sehe ich dich!“ Sie rennt in eine weitere, immer noch falsche Richtung.
„Nein, das bin ich immer noch nicht. Ich mach mal das Licht an.“
„Oh! Da! Jetzt sehe ich dich!“ (Ihr wisst schon was....)
Naja, es dauerte ein wenig, aber sie fand mich. Und ich fuhr sie nach Hause.
Als hätte dieses Intermezzo gar nicht stattgefunden, setzte sie sich dort gleich hin und schüttete ihre erreimten Halloween-Kostbarkeiten auf dem Tisch aus. Sie sortierte sie nach Farbe, oder Größe, oder Geschmacksrichtung, oder Kaufähigkeit, oder was weiß ich. Dann machte sie Fotos. Und sie wünschte sich ihre Schwester her, um mit ihr Süßigkeiten zu tauschen. Da ihre leibliche Schwester nicht verfügbar war, machte es Hanna anders. Sie kippte, wenn auch mit deutlich schlechtem Gewissen, auch die Süßigkeiten der kleinen Gastgeschwister, die natürlich immer noch friedlich in ihren Bettchen schlummerten, aus und tauschte mit ihnen. Sie sind zu klein, um es zu merken (und werden erst, nachdem sie lesen und sich für Mamas Blog zu interessieren gelernt haben, entrüstet aufschreien...bis dahin ist Hanna längst über alle Berge). Und ich habe versprochen, nichts gesehen zu haben.
Danach ging sie in ihr Zimmer, ihr perfekt gepacktes Säckchen unter dem Arm und ein Lächeln auf dem Gesicht. Halloween in Deutschland: vielleicht ein bisschen anders, aber doch gar nicht so schlimm.